heute.de: Stadtverkehr: Grüne Welle dank Turbo-App

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Von Nadine Emmerich

Unter dem Stichwort Smart City vermessen sich Städte weltweit. Darmstadt stellt seine Verkehrsdaten jetzt per App offen zur Verfügung. Die Datenübertragung in Echtzeit ist weltweit neu und könnte ein wichtiger Beitrag zum autonomen Fahren werden. 

"In 300 Metern wird die Ampel in 25 Sekunden auf Grün schalten. Behalten Sie Ihr Tempo von 50km/h bei, kommen Sie in 21 Sekunden an. Reduzieren Sie es um zehn km/h, fahren Sie durch." So flüssig könnten Navigationsgeräte Autofahrer künftig durch die Stadt schleusen – und den CO2-Ausstoß verringern. Autonomes Fahren zählt zu den großen Zukunftsthemen. Technologie aus Darmstadt könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Die Technische Universität (TU) und The Urban Institute ([ui!]) haben eine Open-Data-Plattform erdacht und etwickelt, die Verkehrsdaten erstmalig in Echtzeit offen zur Verfügung stellt.
 

Export in die USA

Las Vegas und Palo Alto im Silicon Valley haben bereits Interesse, das System zu übernehmen. Bei der Consumer Electronics Show (CES) Anfang Januar in Las Vegas stellte das private Softwareinstitut eine an die Verhältnisse der US-Stadt angepasste Lösung vor. Für assistenzgesteuertes Fahren im Stadtverkehr brauchen Fahrzeuge nämlich auch die Verkehrsdaten der städtischen Infrastruktur – den "elektronischen Horizont", wie [ui!]-Geschäftsführer Lutz Heuser sagt.
 
Die Stadt Darmstadt präsentierte jüngst eine Anfangsversion der Plattform, in die künftig Routenplaner für Speditionen und Lieferdienste, Parkplätze und ÖPNV integriert werden sollen. Die für Bürger und Firmen nutzbare App, die an Google Maps erinnert, aktualisiert alle 300 Millisekunden die Verkehrslage in der Innenstadt: Grüne Straßen bedeuten freie Fahrt, bei Gelb stockt es, bei Rot geht nichts mehr.
 

200 Kameras aktiv

Plattform und App greifen auf Daten zurück, die das Straßenverkehrsamt seit Jahren erhebt. Dazu seien rund 200 Kameras an 180 Ampeln aktiv, jede Woche kämen neue hinzu, sagt der Administrator des Betriebsführungsrechners, Ralf Tank. Tausende Detektoren messen Signale von Fußgängern und Fahrzeugen. Die Daten werden zum Server des Softwareinstitutes geleitet, wo sie in der App visualisiert werden."Jede größere Stadt mit eigenem Verkehrsleitrechner hat diese Daten", sagt Heuser. Sie würden bisher nur nicht aufbereitet, in Echtzeit und offen zur Verfügung gestellt. Die Anbindung eines Verkehrsleitrechners an die Open-Data-Plattform koste eine Stadt jedoch "weniger als 20.000 Euro". Noch in diesem Quartal werden Heuser zufolge weitere deutsche Städte nachziehen. Er ruft dazu auf, "nicht alles Google und Apple zu überlassen".

 

Automobilindustrie am Zug

Der Datenschutz werde für die Auswertung der Verkehrssignale nicht verletzt, unterstreicht Max Mühlhäuser, Informatik-Professor an der TU Darmstadt. "Die Kameras zählen ausschließlich Fahrzeuge, sie machen keine Fotos oder registrieren Kennzeichen." Sein Team will künftig auch Lärmmessungen an Kreuzungen ohne Ampeln intelligenter auswerten. Auch dafür gebe es dann Mikrofone, "die niemanden belauschen, sondern nur Lärmprofile liefern". Bei der Weiterentwicklung des Systems sieht Heuser nun "die Automobilisten am Zug". Diese könnten ihre Serienfahrzeuge für Tests mit der Darmstädter Technik ausrüsten. Weil dazu die Daten der Städte nötig sind, will das Urban Institute auch Kommunen und Autoindustrie zusammenbringen.Aktuell könnte die Echtzeit-App Autofahrer indes zur verbotenen Nutzung des Handys am Steuer verführen – und den Verkehr stocken statt fließen lassen. "Experten schätzen, dass mindestens zehn Prozent aller Unfälle in Deutschland durch Ablenkung entstehen", sagt der Sprecher des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR), Sven Rademacher. Er mahnt, die App nur vor der Fahrt zu nutzen.

Quelle: heute.de vom 16.01.2016